Ein Gespräch über den Kulturhauptstadt-Hangover,
unternehmerische Selbstausbeutung und emanzipatorische Gegenstrategien

[MALMOE, 25.10.2006 (Printausgabe 34)
Interview: Katharina Morawek]

MALMOE (Printausgabe 34, 2006) traf Miriam Raggam (Künstlerin), Leo Kühberger (Historiker), Janja Kozel und Matthias Frey vom Kulturzentrum Spektral, Andrea Schlemmer (Künstlerin, LTNC) sowie die Medienaktivistin Reni Hofmüller zum Gespräch über den Kulturhauptstadt-Hangover, unternehmerische Selbstausbeutung und emanzipatorische Gegenstrategien.

MALMOE: Was sind eure Hintergründe und wie würdet ihr euren Kulturbegriff beschreiben? Welche politischen und ideologischen Ansprüche habt ihr an eure Arbeit?

Andrea: 2002 habe ich gemeinsam mit Frauen aus meinem Bekanntenkreis entschieden, einen feministische Plattform für Künstlerinnen zu schaffen, den lady tigers night club (ltnc). Die Idee war, sich einerseits theoretisch auszutauschen, und andererseits gemeinsam Projekte zu realisieren. Das Netzwerk ist sehr förderlich in puncto gegenseitiger Unterstützung, in der Gruppe bist du halt einfach stärker. Wir kommunizieren über eine Mailingliste und es gibt Treffen, diskutiert wird basisdemokratisch. Als Gruppe haben wir erst zwei Mal um Förderungen angesucht und überraschenderweise vom Land auch erhalten. Sonst machen wir alle irgendwelche Brotjobs, die Anita (Hofer) führt das K.I.G. (Kultur in Graz) die Reni ist Kuratorin in der ESC.

Reni: Ich bin – mehr oder weniger zufällig – immer wieder in kollektive Zusammenhänge gestolpert. Die Solidaritätsbewegung mit Mittelamerika in den 80ern, die Zeitschrift Frauensolidarität, Bandprojekte, also die Frage, wie man gemeinsam etwas machen kann und sich einig wird. Wie sind die Rahmenbedingungen, und wie kann ich sie beeinflussen? Mir ist es immer wichtig zu schauen, wie Dinge zustande kommen. Und der Versuch, Hierarchien nicht zu wiederholen.

Miriam: Ich war bei einem Videoworkshop im Forum Stadtpark, damals noch unter anderer Leitung. Dann kam ich zu Radio Helsinki. Irgendwann hab ich mit zwei Freundinnen eine Künstlerinnengruppe gegründet. Wir haben dann 2004 bei einem Event des Forum Stadtpark teilgenommen, letztlich eine große Promotion.

Leo: Grundsätzlich: wo gibt’s denn tatsächlich Content bei Kulturangelegenheiten? Meistens ist das ja eine rein ästhetische Geschichte. Alle tragen den radical chic mit, dass muss ja auch so sein…wenn du zeitgenössische Kunst machst, bist du ja automatisch „gesellschaftskritisch“. Die Frage ist aber, wie gehst du mit der Institution um. Gerade in einer konservativen Stadt wie Graz. Mein Zugang zu Kultur ist auch einfach ein anderer, ich würde mich nie als Künstler verstehen, komme eher vom politischen Aktivismus. Wo sich in Graz in den letzten Jahren einiges tut, ist der Punkt Selbstorganisation. Wie etwa das Spektral, das war vor 5 Jahren in der Form nicht vorstellbar.

MALMOE: In Linz (Kulturhauptstadt 2009) wird das junge kreative Potential im Sinne der creative city extrem aufgebaut und verwertet. Wie war das in Graz bislang?

Andrea: Wenn ich mir die Ausschreibungen für Linz so anschaue, fällt mir auf, dass in Linz der Zugang viel niederschwelliger ist. In Graz hab ich das nicht erlebt, da ging es nicht so darum, neue Leute heranzuholen.

Miriam: Es haben die Institutionen Geld bekommen, die eh schon vorher welches hatten. So sind auch keine „nachhaltigen Investitionen“ getätigt worden.

Leo:
In Linz hat das auch mit dem Image zu tun, als alte Industriestadt, da geht es mehr um branding und globalen Wettbewerb der Städte. Daher auch die Niederschwelligkeit. Bei Graz 2003 das noch nicht so das Thema, ausserdem schnallen das andere Städte viel eher: „Wie knacken wir das kreative Potential, wie schaffen wir eine urbane Atmosphäre, die sich in Wert setzen lässt“ usw. Das sieht man in Graz deutlich: Was ist geblieben? Ein paar überdimensionierte Bauten, klassisch repräsentativ. Graz ist halt eher eine fordistische Stadt: „OK, wir machen was großes, dann haben wir unterm Strich ein Tourismusplus von 25% und das ist gut so“. Was andererseits auch positiv ist, denn es ist ja sehr schwierig, sich als „Betroffene/r“ diesem Widerspruch zu stellen, und der hat sich hier gar nicht erst so aufgetan. Die Kulturszene in Graz ist auch nicht so politisiert, dass man sich gefragt hätte, wie gehen wir mit Graz 2003 um.

MALMOE: Ihr von Spektral seid ein pluralistisches Kollektiv. Was sind eure Ansprüche?

Janja: Die Frage nach dem Kulturbegriff ist schwer, da gibt es zum Teil große Differenzen. Zuerst haben wir erst den Spektral-Raum gemietet, zuerst als Medienlabor, dann kam der Infoladen dazu und der Shop und der Kellerausbau, die Filmschneideplattform. Da hat sich also sehr viel versammelt. Unser Anspruch ist ein partizipativer, es sollte nicht das Kernteam das Programm bestimmen, sondern alle, die sich beteiligen wollen. Die meisten der zentralen Figuren kommen aus einem D.I.Y. Hintergrund, aber um die Förderungen kommen wir nicht herum. Wir bekommen sogar Unterstützung vom europäischen Freiwilligendienst im Herbst, das Geld dafür teilen sich die EU und das Landesjugendreferat.

Matthias: Mangels eines Businessplanes blieben nur die öffentlichen Förderungen. Eigentlich ist das ganze auch wie ein Dienstverhältnis. Wenn die Förderungen ausfallen würden, müssten wir das ganze wirtschaftlicher machen. Büroplätze vermieten, Fördermitgliedschaften, so wie wir das anfangs auch geplant hatten. Oder ein Internetcafe… Kleine Unkostenbeiträge erhöhen ja auch die Qualität. Weil man sich besser vorbereiten kann.

MALMOE: Trotz aller Ansprüche an demokratische Prozesse entsteht dann der erwünschte privatunternehmerische Groove. Gibt es für euch Gegenbeispiele in Graz?

Reni: Das Ladyfest Wien ist in diesem Zusammenhang wichtig. Andererseits eben persönliche Netzwerke. Aber generell hat hat sich hier Schwarzblau ganz massiv und direkt ausgedrückt. Und dadurch geht das Selbstverständnis total verloren, es gibt kaum etwas, wo neue Strategien sichtbar werden würden, aber ich bin da vielleicht zu ungeduldig

MALMOE: Stellt ihr euch die Frage nach Interessensvertretungs-
zusammenhängen? Einer Struktur, wo Wissen über Strategien oder Generationsbrüche gesammelt wird? Es gibt ja immer wieder Leute, die sich zurückziehen, und welche, die dann das Rad neu erfinden.

Miriam: Das läuft sehr informell, man sitzt beim Bier und erzählt sich das.

Reni: Es ist ja eine schwierige Frage, was denn eigentlich die tatsächlichen Interessen sind, die vertreten werden sollen? In der Steiermark ist es offensichtlich gelungen, diese sehr stark vereinzelt zu halten. Da unterscheiden sich auch die Bundesländer, z.B. gibt es in OÖ eine ganz andere Präsenz der SPÖ, und in Kärnten wieder eine völlig andere Situation.
Die Bereitschaft, zusammenzuarbeiten, ist nur sehr bedingt gegeben. Manchmal gibt’s gute und wichtige Ansätze dazu, auch wenn es dann scheitert. Und oft ist es etwas paradox, einerseits diese egozentrische Persönlichkeit auszubilden, die man ja haben soll, und gleichzeitig so etwas wie strategische Allianzen einzugehen.
Andrea: Anlässlich von Schwarz-Blau gab es einen Grund, sich zusammenzutun, jetzt ist wieder jeder mit seinen eigenen Dingen beschäftigt. Dazu kommt die Regelung des Bundes, nur mehr Projekte zu fördern, einhergehend mit prekärer Beschäftigung. Damit bleibt für die GeldgeberInnen alles überschaubar.

MALMOE: Was wären etwa politisch-ideologische Kategorien, über die man sich verständigen und ein Selbstverständnis definieren könnte? Wie könnte Solidarität sich konkret niederschlagen?

Reni: Ich vermute, dass es viel zuwenig Wissen über und Respekt vor den realen Lebenssituationen der einzelnen Leute gibt. Ich hab eine Projektion darauf, was es heißt, bei Malmoe zu schreiben oder bei Spektral einen Workshop zu leiten. Im Grunde genommen fehlt aber die Genauigkeit im Umgang, die mir näher bringen würde, warum du das tust? Solidarisch sein heisst ja auch, über eigene Interessen hinauszugehen. Um das zu begreifen, musst du zuerst die Ähnlichkeiten und die Unterschiede sehen und mal überhaupt draufzukommen, wo Differenzen liegen. Und nicht in einem Einigungsprozess einen Brei draus zu machen. Da gibt´s dann schnell mal ein zuviel an Selbstverleugnung. Und dann funktioniert das nicht, weil Solidarität dann eher ein Wunsch als eine reale Handlungsstrategie ist. Es geht um Genauigkeit im Formulieren der eigenen Wünsche und Vorstellungen. Jede Art des Zurücksteckens ist politisch.